DAS HAAS-HAUS

Das Haas-Haus des 1934 in Wien geborenen Architekten Hans Hollein sorgte bereits vor und nach seiner Eröffnung im Jahre 1990 für verschiedenartige Reaktionen aufgrund seiner modernen Glasfassade und des markanten Erkers: Die Gegner befanden das Gebäude als unpassend angesichts der Lage gegenüber des im überwiegend gotischen Stil errichteten Stephansdomes. Sie bevorzugten offensichtlich den Vorgängerbau im Stil der 1950er Jahre. Die Befürworter jedoch betonten eine äußerst geschickt angelegte Gegenüberstellung von Altem und Modernem, zumal der Stephansdom in der Glasfassade des neuen Haas-Hauses gespiegelt wird.

Tatsächlich versuchte Hollein, mehrere Aspekte in seine Planungen mit einzubeziehen: Zum Einen wollte er seiner persönlichen Linie einer postmodernen Architektur trotz aller Kritik treu bleiben, zum Anderem sollte sein Gebäude ins historische Gefüge eingepasst werden. Hollein orientierte sich nicht einfach nur an bestehenden historischen Gebäuden am Stephansplatz, Stock-im-Eisen-Platz und dem angrenzenden Graben, sondern ging geschichtlich weiter zurück, bis in die Zeit des römischen Vindobona.

Die Römer waren zwar nicht die ersten Siedler in und um das heutige Wien; Funde bestätigen die Präsenz keltischer Stämme, welche ihre Siedlungen im Gefüge eines oppidum bauten. Doch um 15 v.Chr. wurden weite Teile des heutigen Österreich dem römischen Reich unter der Herrschaft Kaiser Augustus (31 v.Chr. – 14 n. Chr.) untergeordnet. Die Donau galt ab dann als nördlicher limes, als Grenze, welche durch Legionslager bewacht werden musste. So kam es zur Gründung mehrerer römischer Befestigungen entlang der Donau an strategisch wichtigen Stellen, darunter gegen Ende des 1. Jahrhunderts auch Vindobona, das heutige Wien. Für 6.000 Mann geplant, war es in Form und Aufbau standartmäßig angelegt, wie alle römischen Militärlager: Die meist rechtwinkelige Form war an den immer abgerundeten Ecken von Wachtürmen flankiert; zur Mitte jeder Seite gab es es je ein Tor, darunter ein Haupttor (porta praetoria) mit der Lagerhauptstraße, und somit zwei große Straßen, welche in der Mitte des Lagers kreuzten. Die Gebäude und Nebenstraßen waren im rechten Winkel zueinander angelegt, sodass die Orientierung immer gewährleistet war.  Der Kommandant hatte sein eigenes Haus, die Soldaten wohnten in langgestreckten Kasernen zu je etwa 80 Mann, untergliedert in Wohneinheiten für je etwa 8 Legionäre.

In Vindobona  war das ursprüngliche Lager an der Nordseite durch die Donau (heute Donaukanal), im Osten (heute Rotenturmstraße) wie auch im Süden (heute Graben und Naglergasse) je von einem Graben und im Nordwesten durch den Ottakringer Bach (heute Tiefer Graben) begrenzt. Die damaligen Lagergrenzen sind somit zumeist heute noch als Straßen zu erkennen und begehbar.

An der Stelle des heutigen Haas-Hauses befand sich eine der abgerundeten Ecken des römischen Militärlagers, welche der Architekt Hans Hollein gekonnt in der Form des Gebäudes wiedergibt. Das moderne gläserne Gebäude vom Ende des 20. Jahrhunderts steht somit nicht einfach in architektonischem Gegensatz zum gegenüber liegenden Stephansdom, dessen Riesentor aus dem 13. und dessen Südturm aus dem 15. Jahrhundert stammen. Es will eine Brücke schlagen vom römischen Vindobona des 1. Jahrhunderts bis ins Wien der Gegenwart.

 

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